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Berlin · KW 36

Buzzcocks im Lido, Dresden Dolls in Huxleys: KW 36 Berlin

Mo 31. AUG bis So 6. SEP

In Berlin rollt die Kalenderwoche 36 auf einen Samstag zu, der die Stadt in mehrere Richtungen zerrt. Während die Buzzcocks im Lido die Punk-Geschichte auf die Bühne bringen und die Dresden Dolls in Huxleys Neue Welt ihr dunkles Cabaret auspacken, füllt die Columbiahalle mit Kein Bock auf Nazis – 20 Jahre Stabil. Parallel graben sich Mouth of Madness und Cult ov Void im KvU ein, Hardcore ballert im Roadrunners Paradise. Der Sonntag hält gotische und andere Töne bereit. Wer neben dir an der Theke steht, will wissen, wohin die Füße tragen und warum.

Der Schnitt der Woche

Diese Woche lebt vom Samstag. Kreuzberg, Tempelhof und Treptow ziehen gleichzeitig. Punk-Klassiker treffen auf politische Rock-Nächte, Black/Thrash auf Hardcore-Keller und Dark Cabaret auf große Bühnen. Die Logik ist klar: Wer Geschichte will, geht zu den Buzzcocks. Wer Theater und Klavier braucht, zu den Dresden Dolls. Wer Haltung und Masse sucht, in die Columbiahalle. Die kleineren Räume liefern das, was Hallen oft nur behaupten – direkten Kontakt, dichten Sound, keine Sicherheitsabstände, die den Abend entkernen.

Berlin sortiert sich hier nach Bezirken. Kreuzberg bleibt der Motor für Punk und Hardcore. Tempelhof stemmt die größere politische Geste. Treptow und die kleineren Adressen halten den Untergrund. Prenzlauer Berg und Friedrichshain am Sonntag bieten intimere oder abweichende Formate. Die Häuser machen den Unterschied: Das Lido mit seiner engen Kapazität von rund 400 hält Nähe. Huxleys mit 1600 Plätzen gibt Raum für Show. Die Columbiahalle schluckt Massen und bot schon Rammstein, Slayer und System of a Down. Das KvU und Roadrunners Paradise funktionieren als Filter – wer hier spielt, meint es ernst oder will es so.

Falsch getaggte Nächte lasse ich kurz. Bang Yongguk im Hole 44 ist K-Pop und Hip-Hop, kein Metal. Estelares im Badehaus bringen argentinischen Alternative Rock. Beides gehört nicht in den harten Kern dieser Seite, auch wenn die Kalender sie mit Metal-Tags versehen.

Buzzcocks im Lido

Die Buzzcocks kommen am Samstag, 5. September, ab 18 Uhr ins Lido an der Cuvrystraße. Gegründet 1976 in Bolton von Pete Shelley und Howard Devoto, wollten sie Sex Pistols, Stooges und Velvet Underground in die eigenen Hände nehmen. Sie organisierten selbst ein Pistols-Konzert in Manchester und spielten Support. Die Singles, später auf *Singles Going Steady* gesammelt, verschmolzen Punk-Energie mit Pop-Melodien und legten Grundlagen für Power Pop und Pop-Punk.

Nach dem Tod Shelleys 2018 führt Steve Diggle die Band weiter, übernimmt den Gesang, mit Chris Remington am Bass und Danny Farrant am Schlagzeug. Neuere Alben wie *Sonics in the Soul* (2022) und *Attitude Adjustment* (2026) halten den Drive. Im Lido, diesem Kreuzberger Klassiker seit den späten Sechzigern, der Rock, Punk und Indie durch die Jahrzehnte geschoben hat, sitzt das richtig. Kapazität um 400, niedrige Bühne, enger Raum. Die Halle lügt selten, wenn der Sound greift. Hier wird aus „Ever Fallen in Love“ und den alten Singles kein Nostalgie-Museum, sondern lebendiger Punk. Wer Punk als Haltung und Melodie will, steht hier. Der Bezirk Kreuzberg setzt den Ton: direkt, ungeschminkt, mit der Spree und dem Berghain-Viertel im Nacken, aber ohne deren Größenwahn.

Das Lido hat schon Jungle Rot und H2O gesehen. Es weiß, wann ein Set brennt und wann es nur warm wird. Die Buzzcocks sollten brennen.

The Dresden Dolls in Huxleys Neue Welt

Gleichzeitig, ebenfalls Samstag, spielen The Dresden Dolls in Huxleys Neue Welt an der Hasenheide. Amanda Palmer am Klavier und Gesang, Brian Viglione am Schlagzeug – seit 2000 aus Boston. Sie nennen es „Brechtian punk cabaret“, weil sie das Wort Gothic fürchteten, das die Presse sonst erfunden hätte. Dark Cabaret mit Klavier, Drums, Theatralik, Make-up und Texten, die zwischen Verletzlichkeit und Wut oszillieren. Debüt 2003/2004, produziert von Martin Bisi, dann *Yes, Virginia...* 2006. Songs wie „Coin-Operated Boy“ und „Girl Anachronism“ sitzen. Sie tourten mit Nine Inch Nails, spielten große Festivals und pausierten mehrfach, bevor sie wieder zusammenfanden.

Huxleys fasst 1600 und hat den Charakter einer richtigen Konzerthalle mit Geschichte. Hier passen die Dolls, weil der Raum die Show trägt, ohne sie zu erdrücken. Palmer und Viglione brauchen den Blickkontakt und die Geste. Nach Jahren Pause und Solo-Wegen (Palmer hat solo und mit Grand Theft Orchestra gearbeitet) ist die Reunion kein reines Comeback-Marketing, sondern ein Duo, das weiß, was es kann. Wer Goth, Cabaret und Punk-Theater will, geht hierher. Kreuzberg wieder: Hasenheide, Volkspark, die Mischung aus Kiez und größerer Bühne. Die Dolls brauchen diesen Raum. Die Rückkehr zählt.

Kein Bock auf Nazis und die Keller

Parallel füllt „Kein Bock auf Nazis – 20 Jahre Stabil 2026“ die Columbiahalle in Tempelhof. Die Initiative startete 2006 von der Band ZSK gegen Neonazismus, rechte Politik und Rassismus. Seit 2021 als gemeinnütziger Verein. Sie verteilen Magazine und Flyer, organisieren Konzerte und Aktionen. Zum 20-Jährigen spielen unter anderem ZSK, Paula Carolina, Sarah Lesch, Uli Sailor und Pauken und Planeten. Die Columbiahalle, 1951 als Sporthalle für US-Soldaten gebaut, seit 1998 Konzertort, fasst stehend um die 3500. Hier liefen schon große Acts. Die Halle kann Masse und Haltung tragen. Tempelhof, nah am alten Flughafen, gibt dem Abend Gewicht. Politpunk und Rock mit klarem Statement. Wer die Geschichte der Initiative kennt, weiß, dass das kein Symbolabend ist, sondern Fortsetzung.

Im KvU in Treptow (die Adresse hat Geschichte als Kirche von Unten, oppositionell in der DDR, später Freiraum und Konzertraum) spielen Mouth of Madness und Cult ov Void. Mouth of Madness aus Görlitz, seit 2013 Black/Thrash, Label Darkness Shall Rise. 2025 kam *Event Horizon*. Roher, direkter Metal ohne Schnickschnack. Cult ov Void liefert Black-Metal-Druck. Das KvU ist kein glattes Haus. Hier zählt der Keller-Ton: eng, laut, ehrlich. Treptow setzt den Kontrast zu den größeren Hallen. Wer Extreme will und keine Absperrungen, bleibt hier.

Im Roadrunners Paradise in Kreuzberg laufen Unstrut, Boxi Barré und Nerve Center. Unstrut aus Berlin, seit 2020, Black Metal, 2025 EP. Hardcore- und Metal-Nacht im kleinen Rahmen. Roadrunners Paradise ist der Typ Raum, der die Woche trägt, wenn die Hallen zu glatt werden. Kreuzberg wieder: nah, dreckig, richtig.

Hardcore und Black/Thrash im Keller schlagen manchen Hallen-Rock, weil die Geschichte besser sitzt und der Körper näher am Sound ist.

Sonntag und der Rest

Sonntag, 6. September, 19 Uhr: The Awakening im Maschinenhaus in Prenzlauer Berg (Kulturbrauerei-Gelände, Kapazität um 250). Südafrikanische Gothic-Rock- und Darkwave-Band um Ashton Nyte, seit 1995 aus Johannesburg, später US-basiert. Hybrid aus Gothic, Darkwave und Industrial-Elementen, von Nyte als „dark future rock“ beschrieben. Alben seit *Risen* 1997, mit Chart-Erfolgen in Südafrika und darüber hinaus. Die Lost Tour bringt neue und alte Stücke, elektronische und akustische Elemente. Das Maschinenhaus neben dem Kesselhaus ist intim und industriell. Prenzlauer Berg gibt dem Abend einen anderen Klang: weniger Krawall, mehr Atmosphäre.

20 Uhr im Badehaus Friedrichshain (RAW-Gelände, Revaler Straße): Estelares aus La Plata, Argentinien, seit 1994 Alternative/Pop/Indie Rock. Album *Los Lobos* 2025. Erste Berlin-Show. Das Badehaus ist klein und vielseitig. Friedrichshain bringt den RAW-Vibe. Für Rock-Fans mit Lateinamerika-Bezug okay, für den harten Kern dieser Woche nachrangig.

Bang Yongguk im Hole 44 Neukölln: K-Pop und Hip-Hop-Rapper, ex-B.A.P. Falsch getaggt. Wer will, geht. Der Rest der Szene hat an dem Abend genug anderes.

Die Woche endet leiser und breiter als sie am Samstag knallt. Wer den Schnitt spüren will, macht Samstag die Runde oder entscheidet sich für einen Fokus. Kreuzberg und Tempelhof tragen den Abend. Die Keller und kleinen Häuser halten die Wahrheit, die großen Hallen die Reichweite.

Die Nächte

Samstag 05.09.: Buzzcocks · Lido; Kein Bock auf Nazis - 20 Jahre Stabil 2026 · Columbiahalle; Mouth of Madness, Cult ov Void · KvU; The Dresden Dolls · Huxleys Neue Welt; Unstrut, Boxi Barré, Nerve Center · Roadrunners Paradise

Sonntag 06.09.: The Awakening · Maschinenhaus; Estelares · Badehaus; Bang Yongguk · Hole 44

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